Theaterkunst Talk

Judith Holste

Wir sprechen mit Kostümbildnerin Judith Holste über ihre Arbeit an der vierten Staffel „Ku’damm“ und die Mode der 70er Jahre. Nach einer Lehre zur Damenschneiderin und einem Semesterlehrgang zur Schnittdirektrice studierte sie Kostümdesign an der HAW Hamburg in der Armgartstraße. Bereits während des Studiums erhielt sie Hospitanzen am Theater in Düsseldorf im Bereich Kostüm sowie Assistenzen am Burgtheater in Wien mit George Tabori und Andrea Breth.

Judith Holstes Arbeiten sind zum Beispiel aus „Der Fall Marianne Voss“, „Die Unschärferelation der Liebe“, „Wir wollten aufs Meer“, „Erzgebirgskrimi“ und auch „Wolffs Revier“ bekannt. Für letztere Serie ist sie 1994 nach Berlin gezogen und der Stadt bis heute treu geblieben.

Nun startet am 27.12.2025 „Ku’damm 77“ in der ZDF-Mediathek und am 12./13./14.1.2026 im TV. Nach den großen Erfolgen der ersten drei Staffeln rund um die Familie Schöllack geht es jetzt in der Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm mit der Familiengeschichte weiter. In der Wohnung über der Tanzschule geht es turbulent zu, drei Generationen wohnen nun dort zusammen: die Schwestern Monika (Sonja Gerhardt) und Helga (Maria Ehrich), ihre fast erwachsenen Töchter Dorli (Carlotta Bähre) und Friederike (Marie Louise Albertine Becker) sowie Mutter und Großmutter Caterina (Claudia Michelsen). Nur Eva (Emilia Schüle), die dritte Schwester, ist noch „im Ausland“, wie man ihren Gefängnisaufenthalt umschreibt, doch ihre Entlassung rückt näher.

Copyright: ZDF/Conny Klein („Ku’damm 77), X Verleih („Die Unschärferelation der Liebe“), Wildbunch („Wir wollten aufs Meer“) // Portrait: privat

Theaterkunst

Judith Holste

Was waren deine ersten Gedanken, also du für die vierte Staffel von „Ku’damm“ angefragt wurdest? Hat dich das Thema der 70er gereizt? Modisch wurden in den bisherigen Staffel ja die 50er und 60er Jahre behandelt.

Ich habe ich mich total gefreut, als ich die Zusage für das Projekt bekommen habe und bin noch am selben Tag ins Kant-Kino gegangen, denn dort lief gerade „Saturday Night Fever“ mit John Travolta von 1977. Das hat mich absolut für das Thema in Stimmung gebracht.

Welche Recherche hast du für die Mode der 70er-Jahre betrieben? Kannst du eine besonders prägende Quellen nennen?

Zuerst habe ich in meinen eigenen Fotos geschaut, denn die 70er waren meine Zeit. Ich war 1977 sogar selbst in einer Tanzschule. Ein schöner Zufall. In alten Burda-Heften, die ja auch bei euch in der Theaterkunst gut sortiert bereit liegen, gab es auch viel Inspiration. Ebenso in der Bravo und im Stern-Magazin. Neben diesen vielen statischen Bildern brauchte ich unbedingt auch bewegtes Bild zur Recherche. Im RBB gibt es eine tolle Doku über Berlin im Jahr 1977. Die habe ich mehrmals angeschaut, um ein Gefühl für das Berlin in dieser Zeit zu erhalten. Außerdem dienten mir auch „Drei Damen vom Grill“ (1977) sowie der legendäre Tatort „Reifezeugnis“ (1977) mit Nastassja Kinski als Inspiration.

Wie hast du dich dem Zeitgeist von 1977 modisch genähert, ohne in Stereotype zu verfallen?

Mir wurde während der Recherche schnell bewusst, dass das Ende der 70er nicht mehr so knallig und bunt war, sondern es wurde in der Farbe schon reduzierter. Trotzdem spielt man mit dem ganzen Spektrum der 70er Jahre, denn dadurch kann man sehr viel über eine Figur erzählen, z.Bsp. ob die Person sehr modisch ist oder eher an alten Zeiten festhält.

Wir konnten die verschiedenen Gruppen der Serie sehr gut über die Mode darstellen. Die Gäste der Tanzschule waren ganz anders angezogen, als zum Beispiel die Club- oder Kneipenbesucher. Es ist immer darauf bezogen, wer die Figuren sind und was sie ausdrücken. Ich wollte gern die unterschiedlichen Tendenzen, die es zu dieser Zeit gab, zeigen. In Berlin gab es Ende der 70er zum Beispiel vereinzelt Punks auf der Straße, also ließen wir diese auch im Stadtbild sichtbar werden.

Ich habe sehr viele Originalkostüme aus der Theaterkunst genutzt und vor allem auch die SWR-Stücke im Naumannpark. Diese Sammlung an 70er Jahre Kostümen war enorm wichtig für die Produktion. Ich war total begeistert, als ich gleich am ersten Tag meiner Vorbereitungszeit das tolle karierte Ensemble bei euch gefunden habe, das Eva letztlich auch für ihren großen Aufritt in der Serie trägt.

Eine große Herausforderung war es, die richtigen Größen einzuschätzen, denn die Größenangaben von damals haben nichts mehr mit denen von heute zu tun. Mein Team und ich haben ganz viel ausgemessen oder einfach selbst anprobiert.

Angefertigt haben wir nur den Overall von Dorli, weil wir diesen mehrfach für die Tanz-Doubles brauchten. Außerdem ein Turnierkleid, das wir doppelt benötigten. Ansonsen haben wir Originalteile aus der Zeit genutzt. Davon gab es ausreichend, denn man findet bei jedem Gang durch den Fundus immer wieder neue Sachen.

Wie differenzieren sich die Looks der drei Generationen und wie spiegeln die Kostüme die Persönlichkeiten und Veränderungen der Figuren wider (Großmutter Caterina, ihre Töchter, deren Töchter)?

Ich habe noch mal alle Folgen und Staffeln angeschaut, um zu erkennen, wie alle zueinander stehen und was in der Vergangenheit passiert ist.

Caterina ist so angelegt, dass sie nicht so modisch ist, sondern ihren eigenen Stil hat und eher rückwärtsgerichtet ist. Somit konnte man bei ihr modisch alles unterbringen, wie zum Beispiel einen Jersery-Anzug in organge von Anfang der 70er. Das war ein sehr gelebter Look.

Jede Figur und ihre Entwicklung konnte man wahnsinnig gut durchs Kostüm unterstützen. Bei Eva im Gefängnis und der entsprechenden Kleidung bis hin zu einem ganz tollen Kostüm nach ihrer Entlassung – da kann man einen ganz großen Bogen erzählen. Monika, die ihre Tochter Dorli trainiert, ist eher praktisch veranlagt und trägt meistens Hosen, so dass ich das wieder aufgegriffen habe.

Oder Helga, die sich vom ihrem Dasein als grau Maus befreit, da sie diesen neuen Mann kennengelernt hat. Das sind schöne Entwicklungen.

Die Schauspieler*innen waren sehr offen für unsere Kostümvorschläge und haben alles angenommen. Das Kostüm darf nicht zu dominant sein. Der Fokus muss immer auf der Rolle bleiben, denn das Kostüm unterstützt den Charakter.

Wie bist du zum Kostümdesign gekommen und was begeistert dich an deinem Beruf?

Zum Kostüm bin ich über meine Schneiderlehrer und durch Hospitanzen am Theater gekommen. Ich habe schnell gemerkt, dass mich Kostüm und die Arbeit mit Menschen mehr interessiert als die reine Mode.

Ich finde es toll, dass jede Produktion ein frisches Thema mit sich bringt und das man sich immer wieder auf die Menschen einstellen muss. Der Reiz, bei jeder Produktion neue Figuren zu schaffen, fasziniert mich. Beim Lesen des Drehbuchs entstehen immer erste Ideen, wie eine Figur aussehen kann und ob es vielleicht noch eine Besonderheit gibt, die mit einem Kostümdetail herausgearbeitet werden kann. Niemand ist perfekt gekleidet und so sollte man es auch im Film belassen, wenn man eine Figur kreiert. Mein Team und ich bleiben immer offen dafür, was sich der Schauspieler vorgestellt hat.

Bei Ku’damm in den 70ern war die Veränderung der Schauspieler sehr gut zu sehen: Sie kommen oft in Fleecejacke und Jogginghose zu uns und gehen in enger Schlaghose, Karohemd und bunter Brille zurück ans Set.

Welchen Tipp würdest du jungen Menschen geben, die gern im Kostümdesign arbeiten möchten?

Hauptsächlich soll man Freude und Lust am Beruf haben. Geduld und Diplomatie sind sehr wichtig, weil Ideen verschiedenster Personen (Kostümbildner, Schauspieler, Regisseur etc.) zusammen passen sollten. Man muss dafür gewappnet sein, dass viele verschiedene Meinungen aufeinandertreffen und dass das, was man sich ausgedacht hat, wandelbar bleiben muss.

Eine gewissen Gelassenheit ist auch hilfreich. Man sollte zwar an seinen Ideen festhalten, aber nicht festgenagelt sein, sondern immer offen für anderen Einflüsse bleiben. Trotzdem darf und muss man darauf vertrauen, dass die eigenen Ideen ein gutes Fundament sind.

Vielen Dank für das Interview und bis bald in der Theaterkunst!

Bis bald!