Theaterkunst Talk

Anne-Gret Oehme

Die Potsdamer Kostümbildnerin Anne-Gret Oehme wuchs mit dem Genre Film auf, denn ihr Vater Roland Oehme war Regisseur und Drehbuchautor bei der DEFA. Während des Studiums der Kostümgestaltung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und an der Betriebsakademie der DEFA absolvierte sie noch eine Ausbildung zur Herrenmaßschneiderin. Nach einigen Arbeiten als Gewandmeisterin fasste sie nach der Wende Fuß als Kostümbildnerin.

Zu ihren Arbeiten gehören unter anderem „Tote sterben niemals aus“, „Die Stille nach dem Schuss“, „Du bist nicht allein“, „Warten auf’n Bus“, „Zwei zu eins“, „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“. Für das Kostümbild in „Lieber Thomas“ erhielt sie 2022 den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bestes Kostümbild“.

Für ihre beiden aktuellen Produktionen „Tania“ und „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ hat Anne-Gret Oehme wieder mit der Theaterkunst zusammengearbeitet.

In Volker Schlöndorffs „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ (Kinostart: 15.10.2026) wird ein Haus am märkischen See zum Spiegel eines ganzen Jahrhunderts deutscher Geschichte. Von der Weimarer Republik über das Dritte Reich, Krieg, DDR und Wiedervereinigung begleitet der Film die Schicksale seiner Bewohner auf der Suche nach Heimat und Zugehörigkeit.

Copright Portrait: Peter Hartwig // Heimsuchung: STUDIOCANAL / Ziegler Film // Warten auf’n Bus: ARD //
Lieber Thomas: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany

Theaterkunst

Anne-Gret Oehme

Mit „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ hast du ein Kostümbild für einen Film entwickelt, der durch verschiedene Epochen des 20. Jahrhunderts führt. Wie nähert man sich kostümbildnerisch einer Geschichte, in der sich Mode, Gesellschaft und Lebenswelten so stark verändern?

Eine gute Grundlage für historische Projekte bildet eine umfangreiche und genaue Recherche. Auch wenn ich vieles während des Studiums in Kostümgeschichte gelernt habe, gilt es im Moment der Vorbereitung sehr tief in die jeweilige Epoche einzutauchen.

Sehr viel erarbeite ich mir über historisches Bildmaterial, im Idealfall aus privaten Sammlungen. Modezeitschriften können helfen, stehen aber für mich nicht im Vordergrund, da nicht die Mode mein Kostümbild bestimmt, sondern die unterschiedlichen Charaktere und ihre Bewegung im Raum. Film ist ein Zusammenspiel aller Gewerke, gemeinsam erschaffen wir Bilder und Figuren, die stimmig sein müssen. Wenn alle Elemente ineinandergreifen, entstehen unvergessliche Geschichten.

Für die 30er bis 50er Jahre war es schwieriger, an aussagekräftiges Material zu kommen. Es wurde noch nicht so viel fotografiert und Zeitzeugen sterben aus. Für die 60er bis 90er Jahre war es einfacher, da habe ich ja sogar noch eigene Fotos und Erinnerungen. Für mich ist es essenziell, ein Gefühl für eine Zeit zu bekommen und dabei helfen mir auch Filme, nicht nur über, sondern auch aus der Zeit.

Welche Kostümteile gab es, die in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wende immer wieder auftauchen und die Figuren des Films begleiten?

Das Zentrum der Geschichte bildet das Haus am See. Zwangsläufig wird in allen Epochen gebadet. Es bedurfte vieler Stunden Recherche, um zu erfahren, wann welche Bademode von wem getragen wurde und diese dann auch zu finden. Schöne alte Badekappen hatten ihre Weichmacher verloren und lösten sich auf, bevor sie es in den Film schafften. Ich hatte Angst, besonders schöne Badeanzugsschätze von Euch nicht nutzen zu können, da die Frauen damals kleiner waren. Aber ich hatte Glück und für mich ist es eine der schönsten Szenen im Film, wenn Susanne schwimmt und schwimmt und schwimmt…

Du bist in Babelsberg aufgewachsen und hast Deine berufliche Laufbahn bei der DEFA begonnen. Was hat Dich am Kostüm fasziniert und welche Erfahrungen aus dieser Zeit begleiten Dich bis heute?

Wenn man im Osten nicht wie alle aussehen wollte, musste man kreativ sein. Daher habe ich schon sehr früh meine Kleidung selber entworfen und genäht, sogar Schuhe habe ich angefertigt. Die Faszination für den Film kam schon aus dem Elternhaus. In den Ferien durfte ich immer mal bei Dreharbeiten von meinem Vater dabei sein und alle Freunde meiner Eltern waren beim Film. Und so kam eins zum anderen.

Ich fing direkt nach dem Abi in der DEFA an. Bevor ich Garderobenhilfe wurde, war ich ein paar Wochen im Fundus. Kostümschätze waren in teils maroden Baracken untergebracht, es war schrecklich und faszinierend zugleich. Für die jeweilige Rolle strebe ich nach einem zeitlosen Kostüm, mixe dabei gerne Kostümteile aus unterschiedlichen Epochen, wofür der Kostümfundus unerlässlich ist. Immer wieder aus wenig viel zu machen, bringt stets neue Herausforderungen, treibt mich an und macht meinen Beruf nie langweilig.

Was möchtest du dem Kostümbildnachwuchs gern mit auf den Weg geben?

Seid offen und neugierig. „Geht nicht, gibt es nicht“. Kleine Budgets verlangen Kreativität und man wächst an seinen Aufgaben, aber lasst Euch nicht unterbuttern. Kostüm ist wichtig, denn: NAKED WITHOUT COSTUME!

Vielen Dank für das Interview und bis bald in der Theaterkunst!

Danke euch!