Theaterkunst Talk
Aleksandra Staszko
Wir haben mit der polnischen Kostümbildnerin Aleksandra „Ola“ Staszko über den Film „Vaterland“ (seit 3.9.2026 im Kino) und ihre Arbeit als Kostümbildnerin gesprochen.
Ola Staszko hat Sozialwissenschaften an der Universität Warschau und Kunst an der Gerriet Rietveld Art Academy in Amsterdam, Niederlanden studiert. Seitdem hat sie für mehr als 20 Filme und TV Serien das Kostümbild entworfen, so zum Beispiel für „Köln 75“, „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“, „Ida“, „Mr Jones” und „Krux“, der demnächst im Kino erscheint.
2003 erhielt sie den Preis für „Bestes Kostümbild” beim polnischen Gdynia Filmfest für „Squint Your Eyes“ („Augenzwinkern“). 2006 war sie Teil des Berlinale Talent Campus. Für ihre Kostüme des Films „Ida” wurde sie 2013 in der Kategorie „Bestes Kostüm“ der Orły Polish Film Academy nominiert. Seit 2019 ist Ola Staszko Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences.
„Vaterland“ (Regie: Paweł Pawlikowski) feierte seine Premiere als Eröffnungsfilm des Münchner Filmfest 2026. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begeben sich Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter, die Schauspielerin, Autorin und Kabarettistin Erika (Sandra Hüller), auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern – von Frankfurt in der amerikanischen Besatzungszone bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar. Es ist das erste Mal seit dem Krieg, dass Thomas Mann in sein Heimatland zurückkehrt, aus dem er einst ins Exil geflohen war. Eine Reise in die verwundete deutsche Seele, die heilen soll. Sie wird für Erika und den Zauberer, wie seine Kinder Thomas Mann oft nannten, zu einer Reise ins Innerste.
Copyright Portrait: Aleksandra Staszko // Neue Visionen / Agata Grzybowska (Vaterland) //Cala Filmproduktion (Krux) // Neue Visionen Filmverleih GmbH (Cold War)
Theaterkunst
Aleksandra Staszko
„Vaterland“ ist bereits deine dritte Arbeit mit Regisseur Paweł Pawlikowski. Was faziniert dich an seinen Produktionen und was ist das Besondere an diesem Film?
Ich habe bereits bei Pawełs früheren Filmen mit ihm zusammengearbeitet, und jedes Mal fühlt es sich wie ein neues Abenteuer an. Paweł ist ein brillanter Künstler und ein außergewöhnlich talentierter Regisseur, der seine Vision großzügig mit seinen Mitarbeitern teilt – eine Vision, in der die Kostüme eine entscheidende Rolle spielen.
Die Zusammenarbeit mit Paweł gibt mir die Möglichkeit, meine Fähigkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln. Zum dritten Mal mit demselben Regisseur zusammenzuarbeiten, verleiht der Zusammenarbeit zudem eine neue Tiefe. Wir haben eine gemeinsame Geschichte und bei jedem Projekt bauen wir auf einem gefestigten Fundament gegenseitigen Verständnisses auf. Da wir nicht alles von Grund auf erklären müssen, können wir direkt in den Kern des kreativen Prozesses eintauchen.
Die Kostüme spiegeln die Nachkriegszeit in einem zertörten Deutschland wider. Auf was hast du dabei geachtet und welche Rolle spielt der Fakt, dass der Film in schwarz-weiß gefilmt wurde?
„Vaterland“ unterscheidet sich deutlich von „Cold War“. Die Kostümgestaltung ist hier wesentlich minimalistischer. Auch wenn „Cold War“ ein Schwarz-Weiß-Film war, verbarg sich hinter den Kulissen eine reichhaltige Palette – eine riesige Auswahl an Farben, Texturen, Stoffen, Silhouetten und Looks. In „Fatherland“ hingegen sind die Kostüme bewusst zurückhaltend gehalten, um das Publikum nicht abzulenken, sodass es sich ganz auf die Protagonisten und deren emotionale Entwicklung konzentrieren kann.
Einer der faszinierendsten Aspekte beim Entwerfen für „Vaterland“ war die Darstellung des Kontrasts zwischen Ost- und Westdeutschland – einer Nation, die nicht nur geografisch, sondern auch politisch und kulturell zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Einflussbereich gespalten war. Diese Spaltung spiegelte sich natürlich auch im Wohlstand und in der Alltagskleidung der Menschen wider.
Die Dreharbeiten in Schwarz-Weiß haben einen entscheidenden Einfluss auf meine Wahl der Kostüme. Ohne Farbe ist man stark auf Kontraste angewiesen, um eine visuelle Hierarchie zu schaffen. Die Textur der Stoffe spielt dabei eine entscheidende Rolle und sorgt innerhalb einer monochromen Farbpalette für Fülle, Tiefe und Charakter.
Du hast für „Vaterland“ historische Kostüme auch aus der Theaterkunst genutzt und auch für „Köln 75“ und „Krux“ hast du bei uns geliehen. Was schätzt du an einem Kostümfundus?
Wenn ich an einem historischen Film arbeite, liebe ich die Zusammenarbeit mit der Theaterkunst. Das Haus hat eine einzigartige Atmosphäre, eine lange Geschichte und gehört schon seit langem zu meinen Lieblingskostümverleihen. Die Qualität eurer Kollektion ist außergewöhnlich, und die Zusammenarbeit mit eurem Team ist immer ein Vergnügen. Ich entdecke dort immer wieder einzigartige Stücke, die schließlich zu den Hauptkostümen werden. Für „Vaterland“ sowie für „Krux“ (Regie: Tony Vahl), der diesen Monat in Toronto und San Sebastián Premiere feiert, habe ich eine wunderschöne Auswahl bei der Theaterkunst zusammengestellt.
Wie bist du zum Kostümbild gekommen und was liebst du an diesem Beruf?
Mein Weg zum Kostümdesign verlief eigentlich eher zufällig. Das Filmemachen hat mich gefunden und nicht umgekehrt. Als ich Anfang 20 war, studierten viele meiner Freunde an einer Filmhochschule. Eines Tages lud mich eine Freundin, die als Produktionsdesignerin tätig war, ein, ihr bei einem Projekt für einen ihrer befreundeten Regisseure zu assistieren. Das führte zu Einladungen zu weiteren Produktionen, bei denen ich mit verschiedenen Kostümdesignern zusammenarbeitete. Nach und nach wurde mir klar, dass ich meine Berufung gefunden hatte.
Was ich am Kostümdesign am meisten liebe, ist der gemeinschaftliche Charakter dieser Arbeit. Es bietet ein wirkungsvolles Mittel zur Selbstentfaltung und hilft den Schauspielern gleichzeitig dabei, ihre Figuren zu entdecken und zu gestalten. Ich schätze die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, und die gemeinsame Anstrengung, Kostüme zum Leben zu erwecken, sehr. Das Filmemachen ist ein seltenes Umfeld, in dem vielfältige Talente zusammenkommen, um eine einzige Geschichte zu erzählen.
Genau diese Synergie – die enge abteilungsübergreifende Zusammenarbeit mit Haar- und Make-up-Designern, Produktionsdesignern, Kameraleuten, Regisseuren und großartigen Schauspielern – macht das Kostümdesign so spannend. Ich arbeite intuitiv und mit einer gewissen Leichtigkeit und schätze dabei Unvollkommenheit und die Schönheit des Zufalls.
Vielen Dank für das Interview und bis bald in der Theaterkunst!
Vielen Dank an euch!